10 Schritte auf dem Weg zum Märchenerzähler
Erster Schritt (2005, Januar)
Grundkurs Erzählen, zehn Abende mit neun Frauen und zwei Männern. Wir lernen Märchen kennen, wie man sie erzählt, wie man Texte lernt, wie wir besser sprechen können, lernen unterschiedliche Märchenerzählerinnen und einen Märchenerzähler kennen. Am Abschlussabend das erste Märchen erzählt, heute in der Erinnerung mehr Trauma als traumhaft.
Zweiter Schritt (März)
Lust auf mehr, ein Wochenendseminar mit Rolf-Peter Kleinen. Stundenlanges wiederholen einzelner Sätze. Geht so erzählen? Wie geht es weiter? Ein Erzählkreis entsteht mit Abenden im Vierwochen-Rhythmus. Dazwischen Lernen und Üben. Nach einem halben Jahr steht fest: entweder richtig oder gar nicht. Ich entscheide mich für das erste.
Dritter Schritt (2006, Januar)
Nach einem Jahr der erste Auftritt außerhalb des Märchenkreises: ein kleines Unterhaltungsprogramm mit Anekdoten, als Beitrag für einen Ehrenamtsabend der Kirchengemeinde. Ich probiere jetzt vieles aus, suche nach Methoden um Texte schnell auswendig lernen zu können, entdecke immer mehr die reiche Märchenwelt der Brüder Grimm, lerne viel.
Vierter Schritt (Juni)
Der Mut wächst. Ich mache mit beim Märchentag im Freilichtmuseum Wackershofen. Eine erfahrene Märchenerzählerin unterstützt mich. Es ist aufregend und sehr anstrengend. Am Ende bin ich platt. Im Herbst die nächste Gelegenheit in Esslingen. Unser Erzählkreis hat seine erste Gelegenheit zu einem Auftritt bei einem Fest auf einer großen Wiese. Zeltatmosphäre, hoher Lärmpegel, das Publikum eher spärlich, neue Erfahrungen.
Fünfter Schritt (2007, Januar)
Erstes Seminar bei der Europäischen Märchengesellschaft. Ich lerne die Lemniskate-Methode bei Linde Knoche kennen. Mein Erzählen verändert sich. Ich lerne immer noch Satz für Satz auswendig, aber im Nachsprechen verändern sich die Sätze, eigene Formulierungen verdrängen eben noch gelernte, aus wortgetreu wird sinngetreu. Sprechtraining-Stunden geben zusätzliche Sicherheit.
Sechster Schritt (April)
Erste Erfahrung mit Bühne und Bühnenbeleuchtung bei Barbara Scheel. Sie sagt: „Das wichtigste beim Erzählen ist die Freude daran, die man selbst empfindet. Wenn sie sich auf das Publikum überträgt, dass springt der Funke über.“
Siebter Schritt (Sommer)
Die Märchen, die ich lerne, werden allmählich länger, die Auftritte häufiger, mal mit anderen, mal alleine, hier eine Freizeit, dort eine Hochzeit. Höhepunkte im Herbst: ein gemeinsamer Ausflug nach Löwenstein, wo Manfred Kyber seine letzten Jahre verbrachte und seine Ruhestätte hat. Ein kleines Museum bewahrt das Andenken des Märchendichters und wir ehren ihn mit einer Erzählstunde. Noch einmal Sprechtechnik: ein Angebot des Studiengangs Sprecherziehung. Studenten lernen zu unterrichten, ich und andere lernen mit ihnen als Versuchsschüler, ein tolles Angebot, das zudem großen Spaß macht.
Achter Schritt (Dezember 2007-April 2008
Noch mehr Seminare mit erfahrenen Erzählern, wie Lawrence Schneider, Christiane Willms und Martin Ellrodt. Alle drei Seminare bauen für mich aufeinander auf, ermutigen zum frei(er)en Erzählen. Wieder ein Satz, der sitzen bleibt: „The amateur tells the words, the professional tells the story, the artisan tells the people“. Bei Martin zum ersten Mal ein eigenes Märchen geschrieben, kurz darauf das nächste, und dann für eine Märchenveranstaltung noch zwei. Es ist fast wie ein Rausch.
Neunter Schritt (Mai 2008)
Zum ersten Mal „Hänsel und Gretel“ erzählt, eine halbe Stunde lang und dabei in leuchtende Kinderaugen sehen. Gibt es etwas Schöneres? Dazu das Gefühl auf einem guten Weg zu sein. Das zweite Mal in Wackershofen, ohne erfahrene Unterstützung, aber wieder zu zweit. Diesmal keine Erschöpfung hinterher, sondern „nur“ das schöne Gefühl, einen guten Tag gehabt zu haben. „Wenn du völlig frei erzählst, bist du besser“, sagt meine Co-Erzählerin. Mir gehen die Worte nach.
Zehnter Schritt (Juli-August 2008)
Eine Zeit geht zu Ende, ich fühle es deutlich. Eine erste Lern- und Lehrzeit, wie beim Handwerk. Die Gesellenzeit beginnt, auch beim „Mundwerk“. Nun muss der eigene Erzählstil, entwickelt und erprobt werden. Gute Gelegenheit dazu bieten zwei Waldheimfreizeiten. So muss es früher gewesen sein: du setzt dich hin und wartest, wer Lust hat dir zuzuhören. Und dann kommen zehn, zwanzig Kinder und wollen eine Geschichte hören und noch eine und basteln nebenher ihre Armbänder. So muss es früher auch gewesen sein, in der Spinnstube. Und am nächsten Tag sind die Kinder wieder da und wollen noch mehr hören. Ich freue mich unbändig. I´m telling the people.
Markus Herzig